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Padis Kloster In EstlandErschrick nicht, harmloser Bach von Padis, dass ich so dicht an dich herantrete. Fürchte nicht, Du stilles Landeskind, ich möchte dir ein Stück Landesgeschichte abfragen, die Schicksale des alten Gemäuers an dessen Fuße Du lebst, dessen Namen du trägst. Wie du`s bruchstückweise in unsicheren Umrissen abspiegelst, so lückenhaft spiegelt der Seitenarm des Seitenstromes , der tiefe Mauern streifte, die Geschichte der alten Klosterveste wieder. Über die „Wassermutter“, die seit Menschengedenken tief unten in dir lebt und webt, hat sie nicht in Sagen aufbewahrt, was die flüchtigen Kinder des Augenblicks , die Menschen, in den Jahrhunderten vergessen?—So viel zerstörte Kraft rings umher und gebrochener Menschentrotz, überall noch die Spuren wild bewegten Lebens ! Hier das eingestürzte Refectorium, daneben eine Kirche, lange vor der Zerstörung von ihren Gläubigen verlassen, dort hoch, ein rechter Rabenhorst -- die halbabgebrochene Warte, überall Reste von Schwibbögen, kaum kenntliche Steinbilder von Moos und Kraut überwuchert, und weite dunk`le unterirdische Gänge, -- kurz alle Requisite zu einer romantischen Ruine und du blickst in behäbige verständig benutzte Wirtschaftsräume. Die heitere Wirklichkeit spottet deiner anerzogenen oder angelesenen Rumpelkammerpoesie, und der Bauer, der Dir lange sarkastisch gleichgültig zugeschaut, wie du nach Romantik umherstöberst, erzählt Dir endlich wie aus Mitleid ein Märchen, das fast von allen unseren Ruinen erzählt wird : der Schatz des Klosters, -- hier nun eine Orgel von eitel Silber – liege irgendwo tief unten in einem Gewölbe; den Schatz zu heben sei aber unmöglich, weil ein Geist jedem, sobald er nahe genug gekommen, das Licht in der Hand ausblase. „Du Kindermund, unbewusster Weisheit froh!“ Geht es nicht jedem also, der um den Schatz von Erinnerungen zu heben, den jede unserer vielen alten zerstörten Burgen und Klöster birgt, sich in die Schattenwelt unserer Landesgeschichte wagt, so weit Überlieferung und Chronik leuchten. Plötzlich hat ein böser Geist das Licht ausgeblasen. Wir stehen vor einer Lücke und harren mit Sehnsucht des berufenen Schatzgräbers, dem die Worte gegeben sind, um die Gespenster zu bannen und das Dunkel für immer zu lichten. Um die sich zerstreut vorfindenen Nachrichten über das KLOSTER PADIS zu einem einigermaßen übersichtlichen Ganzen zu verbinden, müssen wir einen Blick zurück auf die Zeitereignisse werfen, die das Schicksal dieser alten „ geistlichen Zwingburg“ bedingten. Etwa ein Jahrhundert war nach der ersten Ansiedlung der Deutschen in Lidland verflossen. Der dritte Lidländische Bischof Albert Burhöwden, der sich Bischof von Riga nannte ( 1198--1229), hatte die Macht der Geistlichkeit erweitert und befestigt, und zu diesem Zwecke mehrere Bistümer , zuerst das Bistum Ehstland gegründet, dem er 1211 den bisherigen Abt des Zisterciensterklosters Dünamünde, Dietrich, vorsetzte. Unter solchen Verhältnissen gelangte, die Geistlichkeit in Ehstland früh zu ausgedehntem Grundbesitz, namentlich der vom Papst Alexander IV. bevorzugte Zistercienster=Orden, welcher in Lidland ( damals der Gesammtname der Baltischen Provinzen) durch die große und reiche Abtei Dünamünde mächtig vertreten war. Einer der Aebte dieses Klosters, Conrad, taufte im Jahre 1254 die Umgebungen der jetzigen Ruinen PADIS=KLOSTER an, baute daselbst eine Kapelle, zu deren Bedienung er mehrere Mönche nach Ehstland sandte. Die Ansiedelung wuchs und blühte bald so auf, dass nach wenig Decennien in Stelle der Kapelle ein Kloster aufgeführt werden konnte, welches 1281 eingeweiht, unter einem Prior in Abhängigkeit von dem Mutterkloster blieb. Der beginnende Kampf um die Oberhoheit zwischen dem Orden und den Erzbischöfen von Riga, sowie die rebellische Stimmung des nur formell zum Christenthum bekehrten, vernachlässigten und vielfach bedrückten Landvolk`s mögen wohl früh die Nothwendigkeit vor die Augen gerückt haben, das Kloster Padis zu befestigen, das unter den Dänischen Königen, besonders ErichVII. Zur höchsten Blüthe gelangt war. Dieser Fürst umgab es mit Mauern und Wällen (1317 – 1332) und zog es, fortan unabhängig von Dünamünde, zu dem von Woldemar II. 1240 gestifteten Bisthum Reval. Um die Geistlichkeit für eine regere Ausbreitung des Christenthums zu gewinnen, bestätigte und dehnte er nicht nur ihre Privilegien aus, sondern bedachte sie auch mit ausgedehntem Landbesitz. So umschloss das Gebiet des Klosters Padis bereits außer seinen nächsten Umgebungen zum Theil die jetzigen Kirchspiele St. Johannes Merjama, und Kappel und die beiden Inseln Klein= und Groß= Rogö. Der furchtbare Bauernaufstand vom Jahre 1343, dessen Losung die Vernichtung alles Deutschen und überhaupt alles Fremden war, und bei welchem in Padis 28 Mönche erschlagen wurden, hatte für Ehstland tief eingreifende Folgen. Herbeirufung des Ordens zur Unterstützung des Aufruhrs legte die Ohnmacht der Dänischen Herrschaft in der vom Stammlande so weit entfernten Provinz zu Tage, und so geschah es, dass Woldemar III., der zehnte Dänische Beherrscher Ehstlands, diese Provinz 1346 an den Hochmeister des deutschen Ordens verkaufte, welcher diese neue Erwerbung dem lidländischen Ordensmeister überließ, sich nur die Oberherrlichkeit darüber vorbehaltend. Die hierauf folgenden, fast durch anderthalb Jahrhunderte sich ziehenden Kämpfe zwischen dem Orden und dem Erzbischof, sowie die inzwischen vom Orden herandrohende Macht der russischen Großfürsten, veranlasste die neue Befestigung des von den Bauern halbzerstörten Padis, und wir lesen, dass es 1448 auf Ansuchen des damaligen Abtes Johann Greves von dem Bischoff zu Reval Heinrich von Uextüll auch auf`s Neue eingeweiht wurde, und bei dieser Gelegenheit die Befugniß erhielt, für eine Schenkung an das Kloster oder eine Wallfahrt dahin, 40 Tage von der etwa auferlegten Buße zu erlassen. Der Bügerkrieg berührte indeß das Kloster nur flüchtig, in dem es 1488 vom Ordensmeister zwar erobert , aber schon im folgenden Jahre nach hergestellter Einigkeit dem Bischoff wieder zurückgegeben wurde. Mit dem 15. Jahrhundert endete auch die Macht der Geistlichkeit. Der Orden hatte das Supremat über die baltischen Provinzen vollständig erlangt und war eine ganz weltliche Macht geworden. Die Reformation riß die letzten Schranken nieder, und so sprach der Herrmeister Gotthard Kettler 1559 die Säcularisation des Klosters aus, sicherte dem letzten Abt Georg Conradi eine lebenslängliche Versorgung zu, und zog das Kloster sammt dem dazu gehörigen Ländergebiet zum Besten des Ordens ein. Hiermit schließt die Geschichte des Klosters Padis, doch nahm es als fester Platz noch einige Jahrhunderte Theil an den wechselnden Schicksalen, welche Ehstland betrafen. Der Friede mit Russland ging zu Ende , während der Orden in Untätigkeit versunken, seine alte Kraft verloren hatte. Ivan Wassiljewitsch II. brach mit starker Heeresmacht herein, eroberte Dorpat und machte dem dortigem Bisthum ein Ende. Der Orden trat 1560 das Bisthum Desel und Kurland an den Bruder Friedrichs II. von Dänemark, Herzog Magnus von Holstein ab, der von Moritz von Wrangell, Bischoff von Reval, sich auch dieses Stift erkaufte, und vom Zar begünstigt, den Titel eines Königs von Lidland annahm. Kurz nach Ankauf des Bisthums Reval trat Magnus mit Ansprüchen auf die Abtei Padis hervor und drohte im Weigerungsfalle mit gewaltsamer Wegnahme derselben. Zu schwach dieses Besitzthum zu schützen war Kettler genötigt, es auf dem im selben Jahre 1560 zu Bernau abgehaltenen Landtage an Magnus abzutreten . Im folgenden Jahre unterwarfen sich Harrien und Wieland von den Russen gedrängt, zum Könige Erich XIV. von Schweden, der halb auch die angrenzenden Gebiete dazu gewann. Der Commandant der Beste Padis, Engelbrecht von der Lippe, hatte sich anfangs geweigert der Krone Schwedens zu huldigen, wich aber endlich der Gewalt und gab im September 1561 den Platz ohne Widerstand auf, welcher übrigens noch längere Zeit gegen Magnus verteidigt werden musste. Uneinigkeit zwischen Schweden und Dänen, Treulosigkeit und Meuterei, Schwäche und Geldnoth der Landesherren lieferten den Russen einen festen Platz nach dem anderen meist ohne allen Widerstand in die Hände.Ein gleiches Schicksal hatte Padis. Am 18. Februar 1576 ward es von einem russischen Heerhaufen belagert, „ und nachdem derselbe einen Tag lang ungeschanzt mit etlichen Feldstücken davor geplackert, ist es ihm dem 20. Februar stracks von dem Hauptmann Hans von Oldenburg aufgegeben worden“. Zwar versuchten die Schweden am 29. April desselben Jahres die Festung wieder mit Sturm zu nehmen, aber der Anschlag misslang. Vergebens belagerten sie Padis noch bis zum Himmelfahrtstage, und nachdem sie „etliche Wal mit geringem Volk gestürmt hatten, und da rings umher nicht mehr zu rauben war und die Sudeler (Marketender) auch nicht mehr Bier zuführen wollten, dieweil der Bursche (Krieger) kein Raubgut mehr für das Bier zu geben hatte, sind sie mit Spott und Schanden ungeschafft wieder abgezogen.“ Die Russen aber, die für die Belagerung Reval`s so wichtige Nähe eines festen Platzes einsehend, befestigten Padis nach Möglichkeit und operirten nun von hier aus mehrere Jahre lang gegen Stadt und Land. Die endliche Wiedereroberung der Festung durch die Schweden 1580 erzählt der Zeitgenosse dieser Begebenheit, Baltahasar Russow, dessen Chronik wir mehrfach citirt haben, so lebendig und naiv, dass wir uns nicht enthalten können die Erzählung wörtlich hier einzuschalten : „ Zur derselbigen Zeit war es auch das Haus Padis in Lidland von den Schwedischen und Revalschen Knechten und von den Landsassen vom Adel und Bauern belagert, welcher Kriegsleute Hauptleute gewesen sind Diderick Anrep und Arend Asserde. Und dieweil Padis das nächste Haus bei Reval und nur 6 Meilen Wegs davon gelegen ist, hat es der Muskowiter in Meinung die Revalschen allezeit heraus zu dexiren, vor Gewalt also gewaltig beseitigt, dass es schier unmöglich war, mit Geschütz zu gewinnen. Deswegen haben die gedachten Kriegsleute dieweil sie gute Kundschaft hatten, dass dar an Proviant nicht viel zum Besten war, mit langwieriger Belagerung ihr Glück und Heil daran, versucht den ganzen Sommer über bis an das neue Jahr davor gelegen. Und nachdem Sie eine lange Zeit allbereits davor gelegen und gewisse Kundschaft von den übergelaufenen Russen erlangt, dass da großer Hunger und Schmacht auf Padis sein sollte, haben sie den 14. Novembri das Haus stürmen wollen, in welchem Sturme sie fast 100 Mann an Bauern und Deutschen sammt Schwedischen Landsknechten verloren. Dennoch haben die Schwedischen nicht wollen verloren geben sondern sind immer davor liegen geblieben. Da die Russen aber gesehen, dass sie nicht abziehen wollten, sind ihrer viele Nachtzeiten nach einander herunter zu den Schwedischen gekommen, und haben allewege gute Kundschaft gebracht, dass die Russen auf Padis vor großem Hunger und Schmacht das Haus nicht lange halten könnten, und dass ihrer viele bereits Hungers gestorben und auch krank lägen, beides am Hunger und an der fliegenden Seuche. Zuletzt hat Hans Trichsen zu Brinkala, Tubernator zu Revel, gegen das Weihnachtsfest sich dahin verfügt, und einen Drommeter an den Padischen Woiwoden geschickt, ihm einen freundlichen Handel anzuzündigen, welchen Drommeter der Woiwode aus großer Grimmigkeit durch den Leib geschossen hat. Endlich aber, als etliche der vornehmsten Bojaren und Befehlshaber, sammt ihren Priestern heruntergelaufen waren wahrhaftige Kundschaft gebracht hatten, dass sie bereits nicht allein ihre Pferde, Hunde und Katzen, mit allem Eingeweide, desgleichen alle Pferdehäute, Stiefel und Schu`h und das Leder von den Sätteln aufgefressen, sondern auch Stroh und Heu getrocknet, klein gemacht und Mehl davon gesichtet und Brei davon gekocht, und eine lange Zeit sich also ohne Brod damit beholfen, -- auch hätten ihrer etliche von den gemeinen Knechten einen jungen Romben von 6 Jahren geschlachtet und heimlich aufgegessen, desgleichen 2 todte Rinder, so bereits gestorben waren : sind deswegen die Schwedischen auch bewogen worden, das Haus noch einmal zu stürmen. Und als sie die Leitern darangebracht und an die Mauern gesetzt hatten, da haben die Russen selbst die Leitern mit hinaufgezogen und sich etliche herunterbegeben. Diese sind am Leben veschont worden, denn sie waren ganz verschmacht und hatten in 13 Wochen kein Brod geschmeckt. Die anderen aber, so die Landsknechte und Bauern gefunden haben, die haben alle, beide jung und alt, herhalten müssen. Da ist der ältere Woiwode, Daniel Ziggagow (Tschichatschew) auch erschlagen und der jüngste Woiwode, Michael Satzki ist um Kundschaft halben am Leben verschont und gefänglich zu Reval eingebracht worden. Geschehen den 28. December 1580 zu derselbigen Zeit war auch die plötzliche Seuche in`s Lager gekommen, daran alle Kriegsleute vor Padis krank gelegen hatten. Da hätten die Russen mit 60 Pferden Padis wohl entsetzen können, wenn die dieselbige Seuche nebst des Königs zu Polen Kriegsvolke auch nicht geplagt hätte.“ Die Beste Padis-Kloster war Kronbesitz geblieben und wurde von Hauptleuten oder Vögten verwaltet, bis Gustav Adolph es 1622 dem Bürgermeister und Burggrafen von Riga Thomas RAMM, den er für treu geleistete Dienste in den Adelstand erhob, mit allem Zubehör erblich verlieh, mit dem Rechte alles daran Verpfändete einzulösen. Thomas von RAMM nahm sofort Besitz von Padis-Kloster, baute es zu einem prächtigen Schlosse aus, das freilich ein etwas klosterhaftes Aeußeres behielt, und hielt offenes Haus mit altbewährter lidländischer Gastfreiheit. Unter seinem Sohne wurde das stolze Gebäude durch einen Blitzstrahl zerstört, und seitdem ist es nicht mehr ausgebaut worden, sondern die Ringmauern sowohl, wie ein großer Theil des Klosters selbst sind zum Bau des neuen Herrenhauses und anderer Gebäude verwendet worden. So war eine geraume Zeit die Ruine vollständig der Zerstörung preisgegeben, und nur das bequeme Kellergeschoß wurde, gleichwie die ziemlich wohl erhaltene Kirche, zu ökonomischen Zwecken benutzt. Erst die russische Regierung hat durch mehrfache Verordnungen dafür gesorgt, dass die Denkmäler des Alterthums geschont werden, und so ist der schon für sich anmutigen Landschaft die imposante, hochragende Ruine erhalten. Von dem Thurme erblickt man die Bucht von Baltischport (ehemals Rogerwiet) mit den Inseln Klein= und Groß=Rogö, deren ersterer Peter der Große mittelst eines Molo mit dem Festlande verbinden wollte, um den Golf zu einem Seehafen zu schließen. Die deßhalb unternommenen großartigen Arbeiten veranlassten mehrmals die Anwesenheit des Kaisers, und dieß erinnert uns schließlich an den damaligen Besitzer von Padis, THOMAS VON RAMM gleich seinem Ahnherren geheißen, einen etwas wunderlichen, aber kernigen, heiteren alten Mann, dessen Eigenthümlichkeit aus den nachstehenden beiden Begebnissen, die noch in jedermanns Munde sind, sehr bezeichnend hervortritt. Nachdem Karl XII. auf seinen abentheuerlichen Heerzügen Lid= und Ehstland den Angriffen der Russen preis gegeben hatte, suchte sich das Land gegen dieselben zu schützen, so gut es ging, es wurde namentlich eine Landmilliz errichtet, in welcher die Landedelleute als Offiziere walteten. Unser THOMAS VON RAMM war Hauptmann der Miliz seines Kreises. Zur Inspicirung dieser Verteidigungs=Anstalten erschien einst der Schwedische Obrist Graf Schlippenbach und fand die Padis`sche Miliz in Reih und Glied wohl aufgestellt. „ Nun, Herr Capitain,“ rief er Herrn THOMAS VON RAMM zu „lassen Sie ihre Compagnie einmal exerciren!“ – „Ich verstehe das nicht, Herr Obrist,“ war die unerwartete Antwort. – „Das ist aber sehr schlecht, Herr Capitain`“ fuhr Graf Schlippenbach auf. – „Nun bei Gott! Herr Obrist,“ erwiderte gemühtlich und ohne aus der Fassung zu kommen THOMAS VON RAMM, „Sie verstehen das Ding auch nicht. Kommen Sie lieber in`s Haus und lassen Sie uns eins trinken.“ Der durch diese Anrede überraschte Obrist besann sich denn auch nicht lange, und bei einem ansehnlichen, ausgehöhlten mit schmackhaftem Punsch angefüllten Zuckerhute – so liebte der alte RAMM zu trinken – vergaßen die tapferen Zecher alsbald das Exerciren – ein treues Bild der „guten alten Zeit.“ – Nachdem in der Folge Ehstland,, aber wohl schwerlich aus dem Grunde, weil die Padische Miliz das Exerciren nicht gelernt hatte – dem Russischen Scepter unterworfen worden war, durchzogen Commissaire das Land, um für die Taufenden von Hafenarbeitern in Rogerwiek Proviant aufzukaufen. Ein solcher kam auch nach Padis und verlangte Getreide zu kaufen. THOMAS VON RAMM erklärte ihm aber : er verkaufte kein Getreide; wenn er jedoch seinem allergnädigsten Herrn dienen könne, so stehe sein ganzer Speicher Höchstdemselben als Geschenk zu Befehl. Der Commissair, der bei solchem Handel wohl für sich keine Rechnung fand, lehnte das Anerbieten ab, berichtete aber dem Kaiser über solche Verkaufsweigerung in so nachtheiliger verläumderischer Weise, dass der alte THOMAS VON RAMM hiernach als widerspenstiger Rebell erscheinen musste. – Der Zufall wollte, dass die Reisemarschälle des Kaisers halb darauf für denselben in Padis Pferde und Quartier bestellten. Der Monarch langt an und erfährt kaum den Namen des Hausherrn, als er auch schon kurzen Prozeß macht und der Stock in weltbekannter Weise über den Rebellen Gericht halten muß. Natürlich hellte sich das Missverständnis sogleich auf, und hochherzig wie der Monarch war, befahl er THOMAS VON RAMM sich eine Gnade auszubitten. Der alte stolze Edelmann aber schlug sie aus, indem er mit tiefer Ironie sich nur den Stock zum Andenken ausbat. Dieser Stock, ein 1 ½ Ellen langes spanisches Rohr mit einem handfesten Knopf von Ebenholz, wurde ehemals in der Ruine in einer Rumpelkammer, der sogenannten Stockkammer, verwahrt, kurz vor deren Einsturz aber in das neue Gutsgebäude gebracht, wo er jetzt noch den Fremden gezeigt wird. Und wer wollte zweifeln, dass dieses Rohr einer der Zauberstäbe des unsterblichen Völkerbildnis war, hat sich die wunderthätige Kraft doch noch in unseren Tagen bewährt. Nach anderthalb Jahrhunderten ist ihm auf dem dürren Boden unserer Landesliteratur eine Blüthe entsprossen, die ein Baltischer Dichter in den Todtenkranz gewunden, der dem Andenken des großen Zaren gewidmet ist, wir meinen die „Peters-Lieder“ von G. Schultz. (Berlin 1857.) |