Epitaph der Familie Rham im Bonner Münster

  1. Historischer Hintergrund
  2. Inschrift mit Übersetzung
  3. Begriffsklärungen und Bewertung der Inschrift

1.0 Historischer Hintergrund:

Das Epitaph hängt im Münster in Bonn. Es durfte dort aufgehängt werden, weil Reiner Rham der Kirche unter anderem eine Orgel und einen Hochaltar gestiftet hat. Um sowohl den Ort an dem dieses Epitaph hängt als auch den Hintergrund der Schenkungen des Reiner Rham zu durchleuchten, beginnt dieses Referat mit einem kleinen Rückblick auf die Geschichte des Bonner Münsters und des Cassiusstiftes.

Der Legende nach verdankt das Bonner Münster seine Errichtung der Verehrung der Märtyrer der Thebäischen Legion. Diese Legion hat sich während der Christenverfolgung zum Christentum bekannt. Deshalb mußten ihre Mitglieder den Märtyrertod sterben. Auf den Gräbern des Cassius und Florentinus habe die Kaiserin Helena eine Kirche errichtet. Historische Belege für die Existenz der Thebäischen Legion gibt es allerdings bisher nicht. Nachgewiesen ist jedoch eine Totenkultstätte aus der zweiten Hälfte des 3. Jh. unter dem Bonner Münster. Im vierten Jahrhundert wurde auf dieser Totenkultstätte eine Saalkirche errichtet. Im achten Jahrhundert wurde diese Saalkirche erweitert. Sie ist der Vorläufer des heutigen Bonner Münsters.

Im 11. Jh. wurde die Saalkirche abgerissen und ein Neubau errichtet. Dieser Neubau war eine der ersten Kirchengroßanlagen im Rheinland. Teile dieses Neubaus sind mit späteren Anbauten zum heutigen Münster verschmolzen. Umfangreiche Erweiterungen nahm der Propst Gerhard von Are (1124-1169) am Bonner Münster vor. Unter anderem geht der Kreuzgang auf seine Bautätigkeit zurück. Weitere An- und Umbauten führten dann bis ins 13. Jh. zum heutigen Aussehen der Kirche.

Nachdem das Münster seine heutige Gestalt erhalten hatte, mußt es immer wieder zahlreiche Zerstörungen hinnehmen. Im Kölner Krieg (1583) wurde das gesamte Innere der Kirche zerstört. Als man den entstandenen Schaden gerade wieder behoben hatte, schlug 1590 der Blitz in das Münster ein und das Dach ging in Flammen auf. Vor diesem Hintergrund der immer wiederkehrenden Zerstörungen am Münster sind die Schenkungen des Reiner Rham zu sehen. 1652 stiftete er einen Hochaltar und 1653 eine Orgel. An dieser Orgel konnten sich die Bonner Bürger jedoch nicht allzu lang erfreuen. Im holländisch-französischen Krieg brannte 1689 die Kirche wiederum aus. Die Glocken schmolzen, das Dach brannte aus und auch die gestiftete Orgel wurde zerstört. Besonders im zweiten Weltkrieg wurde die Kirche dann noch einmal schwer beschädigt. Sie war so zerstört, daß man diskutierte, ob man sie überhaupt wieder in ihrer ursprünglichen Form herstellen sollte. Erst 1982 waren die Restaurationen beendet. Hält man sich allerdings vor Augen, daß ein Großteil der Restaurierungsarbeiten am Kölner Dom immer noch der Beseitigung von Kriegsschäden dient, so ist dies gar kein so schlechtes Ergebnis.

Das Kanonikerstift, dem Reiner Rham angehörte, hat eine lange Geschichte. Schon im siebten Jahrhundert ist eine Priestergemeinschaft nachgewiesen. Im siebten und achten Jahrhundert stand dem Kanonikerstift der Kölner Erzbischof vor. Später wurde es dann von eigenen Pröpsten geleitet. Der Propst des Bonner Kanonoikerstifts war einer der höchsten kirchlichen Würdenträger in der ganzen Erzdiözese. Welche Bedeutung das Bonner Münster und mit ihm seine Kanoniker im Mittelalter hatten, wird durch zwei hier vorgenommene Königskrönungen deutlich. Friedrich der Schöne und vor allem Karl IV wurden hier gekrönt.

2.0 Die Inschrift des Epitaphs und ihre Übersetzung

D. O. M.

ADM. REV. NOBILI & CLAR. DNO. D. RENERO RHAM I.V.D

ARCHIDIAClis INSIGNIS

COLLEGATAE SS. CASSY & FLORENTY CANONICO. LV. & SE-

NIORI SCHOLASTICO XXVII

et qu: CVRIE ARCHIDIAClis PRAEPOSITVRAE BONNEN. XXXIV

ANNIS OFFICIALI

ILLMI REVMI EPI & PRINCIPIS OSNABRVGEN. CONSILIARIO XV

MAY A. MDC

LXII DEFVNCTO E FRATRE NEPOTES TESTAM to HAEREDES

GRATI

TVDINIS REGO HOC MONVMENTVM EREXERVNT. R. in P.

Übersetzung:

Dem allgütigen, allmächtigen Gott.

Dem sehr ehrwürdigen, edlen und berühmten Herrn Reiner Rham, beider Rechte Doktor, der ausgezeichneten Archidiakonal- und Kollegialkirche der hh. Kassius und Florentius Kanonikus während 55 Jahren, Scholaster senior 27 Jahre, sowie Offizial der Archidiakonal-Kurie der Bonner Probstei 34 Jahre, des sehr erlauchten und ehrwürdigen Fürstbischofs zu Osnabrück Rath, am 15.Mai 1662 gottselig entschlafen, errichten, als Testamentserben, die Neffen von Bruderseite dankbar dieses Denkmal. Er ruhe in Frieden.

(Übersetzung v. Pick i.d. Bonner Zeitung 1869 Nr.80)

3.0 Begriffsklärungen und Bewertung der Inschrift

Obwohl weiter oben schon häufig der Begriff Epitaph gefallen ist, so sollte man ihn in einem solchen Referat trotzdem kurz erklären. Der Brockhaus definiert ein Epitaph als "...ein Gedächtnismal für einen Verstorbenen an einer Wand, einem Pfeiler,...,seit Mitte des 14. Jahrhunderts vorkommend, reich ausgebildet in der Renaissance und besonders im Barock." Dies gibt ja genau das wieder, was man im Bonner Münster vorfindet.

Als dieses Referat gehalten wurde, konnte jeder das Epitaph direkt vor sich sehen. Beim Lesen dieser Ausarbeitung ist dies jedoch nicht der Fall. Deshalb ist eine kurze Beschreibung des Epitaphs nötig. Es hängt im linken Seitenschiff des Bonner Münsters und ist ungefähr auf das Jahr 1662 zu datieren. Das auffälligste an diesem Epitaph ist ein auf Holz gemaltes Bildnis des Verstorbenen. Es bildet das Zentrum des Gesamtkunstwerks. Es zeigt den Verstorbenen in seiner damals üblichen Kanonikertracht. Neben zahlreichen kirchlichen Symbolen findet sich oben rechts das Wappen der Familie Rham - ein nach links gewendeter Pferdekopf. Darüber steht AE: 79 1662. Dies bedeutet, daß Reiner Rham im Jahre 1662 seines Todes 79 Jahre alt war und stellt eine die Inschrift ergänzende Information dar. Rechts und links wird das Bild von zwei weißen Statuen aus Alabaster eingerahmt. Die linke Statue stellt den Heiligen Cassius dar. Es ist der im ersten Abschnitt erwähnte Soldat der Thebäischen Legion, dessen Grab sich unter dem Bonner Münster befinden soll. Er ist in voller Bewaffnung dargestellt. Zu rechten des Bildes erkennt man eine Statue der heiligen Helena. Es ist die Helena, die die erste Kirche zu Ehren der thebäischen Märtyrer errichtet hat. Sie hält ein Kreuz in der linken Hand. Zahlreiche Obelisken rahmen das Epitaph weiter ein. Über dem Bild ist noch einmal das Wappen der Familie Rham in Alabaster gemeißelt zu erkennen. Unter dem ganzen befindet sich die obige Inschrift. Sie ist in dunklen Stein (vermutlich schwarzer Marmor) gemeißelt und dann mit Gold ausgemalt. Dies Arbeit ist so kunstvoll ausgeführt worden, daß man sie auch für aufgemalt halten könnte.

Um zum paläographischen und sprachlichen Kommentar zu kommen, läßt sich feststellen, daß die Inschrift in Prosa verfaßt ist. Sie ist in Kapitalen ausgearbeitet. Sie beinhaltet zahlreiche Abkürzungsformen, die oben schlecht wiedergegeben werden konnten. Es tritt das Hochstellen der Endsilbe auf — z.B. bei dem Wort TESTAMto. In der Wiedergabe der Inschrift oben wird dieses Hochstellen durch verkleinern der Endsilbe angedeutet. Desweiteren kommt Suspension vor, d.h. Abkürzung durch die ersten Buchstaben eines Wortes — z.B. D.O.M. Anzutreffen ist ebenso das Mittel der Kontraktion, d.h. das Auslassen in der Mitte eines Wortes — z.B. DNO. Auch Ligaturen tauchen in der Inschrift auf. Eine Ligatur bedeutet, daß zwei Buchstaben ineinander geschrieben werden. Sie sind wohl in einem solchen gedruckten Text am schwersten wiederzugeben. Versucht wird es durch das Unterstreichen der an der Ligatur beteiligten Buchstaben, z.B. PRAEPOSITARAE. Eine letzte sprachliche Besonderheit, die zu dieser Inschrift anzumerken ist, stellt die Tatsache dar, daß die ganze Inschrift eigentlich nur aus einem einzigen Satz besteht. Dieser wiederum beinhaltet zu einem Großteil lediglich die Aneinanderreihung von Titeln, die der Verstorbene in seinem Leben erworben hatte.

Mit diesen Titeln beginnt der historische Kommentar des Epitaphs. Reiner Rham wurde 1583 geboren und ist 1662 im Alter 79 Jahren gestorben. Er entstammt einer Kanonikerfamilie. So ist zum Beispiel sein Neffe Kasper Rham als Kanoniker des Damenstifts zu Schwarzrheindorf nachgewiesen. Laut Inschrift war Reiner Rham 55 Jahre Kanoniker, 27 Jahre Scholaster und 34 Jahre Offizial der Bonner Probstei. Um diese Titel mit Leben füllen zu können, muß man sie definieren. Dies macht das Lexikon der Theologie wie folgt:

Ein Stift ist ein Kollegium von Klerikern, denen der Dienst an einer Kirche übertragen wurde. Die Kirche eines Stifts heißt Dom oder Münster. Geführt wird ein Stift von einem Stiftskapitel.

Die Mitglieder eines Kapitels nennt man Kanoniker (abweichend von dieser Kanonoikerdefinition bezeichnet man heute allerdings einen kirchlichen Amtsträger als Kanoniker). Als einen Scholaster bezeichnet man einen Schulvorsteher an Kloster- oder Stiftsschulen. Ihre Hauptaufgabe ist die Ausbildung von neuen Priestern. Ein Offizial hat stellvertretende ordentliche Gewalt. Er vertritt den Bischof in der Verwaltung und in der Rechtsprechung und wird direkt vom Bischof eingesetzt.

Abgesehen von den genauen Definitionen und Bedeutungen der Titel und Ämter, die Reiner Rham inne hatte, muß man feststellen, daß er die ganze kirchliche Karriereleiter durchlaufen hat. Als Erklärung für die Erlaubnis zur Errichtung eines Epitaphs im Bonner Münster reicht dies jedoch nicht aus. Dann würde man im Bonner Münster vor lauter Epitaphen die Wände nicht mehr sehen können. Als Begründung für die Erlaubnis muß man die oben schon angesprochenen Stiftungen heranziehen. Reiner Rham stiftete einen Hochaltar und eine Orgel. Abschließend kann man feststellen, daß dieses Epitaph zum Zwecke der positiven Darstellung des Verstorbenen errichtet wurde. Aus historischer Sicht erhält es seinen Wert jedoch vor allem aus der Darstellung der für das 17. Jh. typischen Kanoniker Tracht. Auch stellt es einen Beleg für die Bedeutung der Verehrung der heiligen Helena und der heiligen Cassius und Florentinus für das Bonner Münster dar.

G. Jörgenshaus