Der Rammelsberg und der Rammberg
 

DER RAMMELSBERG UND DER RAMMBERG

Vom erzreichen Rammelsberge bei Goslar gehen viele Sagen. Es soll mehr Holz
in ihm verbaut sein als in der ganzen Stadt Goslar. Kaiser Otto IL hatte
einen Jäger, der hieß Ramm, und dieser Jäger hatte eine Frau, die hieß Gosa.


Diesem Paare, das er sehr schätzte, schenkte der Kaiser das ganze Gebiet am
Harzwald, darinnen heute Goslar und der Rammelsberg liegen, und auch weiter
hinaus, über Andreasberg und Harzgerode hin, und es gründete daselbst Städte
und begann den Bergbau.

Nach dem Jäger wurde der eine Erzberg Rammelsberg
genannt und nach der Frau Gosa der Fluß Gose, desgleichen die Stadt Goslar
und deren berühmtes Bier, die Gose, wem sie schmeckt.

An der Sankt Augustinerkapelle auf dem frankenbergischen Kirchhofe ist des Paares
Leichenstein zu erblicken. Der Jäger trägt ein erhobenes Schwert über sich
in der Hand, Frau Gosa eine Krone. Der Jäger Ramm war es, der zuerst die
Spur des Bergsegens entdeckte. Er verfolgte ein Wild, konnte zu Pferde nicht
durch das Dickicht des Waldes dringen, band das Pferd an einen Baum und
verfolgte jenes weiter zu Fuße. Als er zurückkam, hatte das Pferd mit den
Hufen gescharrt und edle Erzgesteine zutage gefördert. Diese brachte Ramm
dem Kaiser mit.


Als der Bergbau sich anhub, hatte der Teufel auch eine Grube, die war
ausschließlich sein und sehr silberreich. Woher hätte er sonst auch das
viele Geld nehmen sollen, das er denen verschaffen mußte, die sich ihm
verschrieben. Er ließ daher drauf und drein arbeiten und bezahlte die
Knappschaft wöchentlich gleich den andern Gewerken. Da aber alle Ausbeute,
welche der Rammeisberg lieferte, gemeinsam verkauft wurde, welches man
alldort die Kommunion nannte, und der Erlös dann unter die Grubenherren
geteilt wurde, so ließen sich einstmals die übrigen Gewerken beigehen, den
Teufel zu beschuppen, worüber er so böse wurde, daß er seine ganze Grube
zusammenwarf und unzugänglich machte, und wurden bei tausend Menschen vom
einbrechenden Gestein erschlagen. Dieser verfallene Ort heißt noch bis heute
die Teufelsgrube.


Oben auf dem Gipfel des namenverwandten Rammberges über Harzgerode liegen
viele Felsblöcke umher verstreut, das nennt man die Teufelsmühle. Einem
Windmüller stand seine Mühle nicht hoch und frei genug, er wünschte sich
eine dort hinauf, der es nie am Wind fehlen sollte. Der Teufel versprach ihm
solch ein Werk vom allervortrefflichsten Bau. Die wolle er in einer Nacht
bauen und vor dem ersten Hahnenkraht vollenden, dafür solle nach dreißig
Jahren angenehmen Lebens die Müllerseele des Teufels sein. Gleichwohl
verrechneten sich bei diesem Kontrakt beide Kontrahenten. Der Teufel brachte
zwar die Mühle fertig, allein da er sie dem Müller zeigte, entdeckte dieser,
daß noch ein Mühlstein fehle; eilend fuhr der Teufel von dannen, diesen
Stein zu holen, aber wie er wiederkehrte, da krähte schon der Hahn auf der
untern Mühle. Darüber bekam der Teufel einen solchen Zorn - es mußte ihm
schrecklich viel an der Müllerseele liegen -, daß er mit dem Stein gleich
das ganze neue Werk zusammenbrach, Flügel, Räder und Wellen in Splitter
knickte und die Steine bis fast aufs Fundament über den ganzen Gipfel des
Rammberges verstreute. Der Müller war gescheit genug, seine Seele jetzt Gott
zu befehlen, und begehrte nimmer wieder eine Mühle auf der gefährlichen
Höhe.

Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853